Karies ist ein Arschloch!

Und seine Mutter auch! Letzten Dienstag war es soweit. Die große Sitzung beim Zahnarzt. Quasi der Judgement Day für die Zähne. Und ich glaube der Terminator himself hat den Bohrer geführt.

Als ich die Praxis betrat hatte ich das dringende Bedürfnis andere Termine wahr zu nehmen. Aber es war leider keiner so wichtig, als das ich ihn hätte vorziehen können. Plötzlich wurde die Beratung bei der Bank über eine Berufsunfähigkeitsversicherung sehr interessant.  Aber es half nichts, ich mußte mich meinem Dämon stellen. Und ich rede hier nicht vom Löwentor. Schneller als mit lieb war wurde ich auf den Zahnarztstuhl gerufen. Und ich wunderte mich noch, warum dort keine Lederriemen zum festschnallen waren.

Als nächstes folgte nun die Diskussion über die Notwendigkeit einer Betäubung. Da ich ja nicht als Memme da stehen wollte, druckste ich rum und versuchte die nette Zahnarzthelferin in eine Frage und Antwort Spiel zu verwickeln. Was für Schmerzen würden mich denn erwarten? Wären sie schlimmer als ein Lungendurchschuß oder ein Fahrradstunt? Doch sie roch den Braten, aber schonte mich. Ich entschied mich ihren Rat anzunehmen und es für alle Beteiligten entspannter zu machen und eine Betäubung zu nehmen. Die Frage nach einer Vollnarkose stellte ich zunächst zurück. Doch damit tat sich dann die nächste Unsicherheit auf. Wie schmerzhaft war die Spritze und würde sie überhaupt wirken?

Der Onkel Doktor kam und fing dann gleich an auf ausländisch zu sprechen. Selbst mit meinem kleinem Latinum verstand ich nichts. Meine Brille wurde mir vorsichtshalber abgenommen und ich rechnete jeden Moment damit, das aus den Armlehnen Edelstahlmanschetten fahren würden, die meine Arme fixieren würden. Doch nichts dergleichen geschah, sondern die Spritze wurde gesetzt und ich merkte sie kaum. Hier möchte ich bemerken, das ich zwar Erfahrung im Blut spenden habe, doch eine Spritze in den Mund zu bekommen, wo mal kein Schnaps drin ist, ist dann doch etwas anderes. Immerhin ist der Mund auch viel dchter am Hirn dran wie der Arm. Nun war es nur noch eine Frage der Zeit, bis ich meinen Speichel nicht mehr bei mir behalten konnte. Ich machte mir ein wenig Sorgen um das kleine Handtuch, was mir aus Hygienegründen auf den Brustkorb gelegt wurde. a) Würde es den Speichelmassen mit Sicherheit nicht Herr werden und b) das ganze Blut muß ja auch irgendwo hin.

Da Karies ja ein Arschloch ist, habe ich ja auf beiden Seiten das Vergnügen. Also gibt es gleich die Spritze im Doppelpack. Eigentlich wollte ich an dieser Stelle anmerken, das vielleicht eine Vollnarkose vielleicht doch sinnvoll ist. Aber da hatte ich auch schon den Mund voll mit Instrument. Und ich glaube, irgendwo lief ein bisschen Sabber hin. Auf die Frage, ob denn meine Zähne schon taub wären, konnte ich gar nicht richtig antworten, da der Bohrer schon an geschmissen wurde. Das Geräusch war aber an sich angenehm. Auch das was er machte, als er mit meinen Zähnen in Berührung trat. Das Wunder der Betäubung entfaltete sich voll und ich merkte nichts, ich war nur ein wenig angespannt, hinsichtlich der Tatsache, was wohl passieren würde, wenn der Bohrer einen Punkt erreichen würde, an dem die Betäubung nicht wirken würde. Wieder stellt sich mit hier die Frage, ob eine Fixierung nicht sinnvoll wäre.

Es folgte ein Bohrerwechsel. Wie ich später feststellte, war es der Polieraufsatz aus Gummi. Doch als er loslegte, ahnte ich nichts, sondern konnte nur an Hand der Geräusche und der Vibrationen im Kopf eine grobe Zuordnung machen. Sollte ich meinen Gefühlen trauen, war der erste Aufsatz ein 0,1 mm Bohrer gewesen. Und nun kam die grobe Schrubbscheibe mit 10 karätigen Diamanten zum Einsatz. Ich war sogar der Meinung einige Brocken in meinem Mund umher fliegen gespürt zu haben. Der Sauger, der irgendwo unter den 10 Instrumenten in meinem Mund war, machte schon leicht gurgelnde Geräusche. Die Vorstellung, was passieren würde, wenn jetzt plötzlich die Betäubung nach lassen würde, ließ mich fast in Ohnmacht fallen.

Dann irgendwann wurde eine Pause eingelegt, in der Fachwissen zwischen Arzt und Helferin ausgetauscht wurde, bei dem ich die Augen schloß. Dann kam meine Ansprache. „Herr Gerhardt, warum machen sie es uns nur so schwer?“ Ich war geschockt, was mache ich denn? Wie kann ich es besser machen? Haaaaaaargh, ich will hier weg. Ich will aufn Arm. Ein Karieskanal geht tiefer als gedacht und muß großflächig aufgebohrt werden. Füllung geht hier nicht mehr, nur noch Überkronen. Nach großflächig aufgebohrt, wurde mir schon schwarz vor den Augen. Ich stellte mir vor, wie mein Mund aussah und traute mich nicht mit der Zunge nach zu fühlen. Aber ich stellte mich meinem Schicksal. Was bleib mir auch anderes über, versucht mal zu diskutieren, wenn man drölf Sauger im Mund hat. Gefühlt hätte es auch ein Weidepfosten sein können.

Nun wurde geklebt, poliert, UV belichtet und was weiß ich noch. Dann dachte ich wir wären fertig, doch sollte mich irren. Die Helferin meinte, das jetzt noch zwei Zähne gemacht werden müßten und dann hätten wir es geschafft. Für heute. Ich wollte nicht mehr, gleichzeitig drängelte sich ein Gedanke nach vorne, der eigentlich hätte hinten bleiben sollen. Wie lange hält eigentlich die Betäubung an?

Doch das Rätsel sollte nicht lange ungelöst bleiben. Es fing an, als ich den kalten Wind vom Sauger merkte. Ein häßliches Gefühl und Unbehagen machte sich breit. Ein kurzes Zucken meinerseits, machte den Zahnarzt aufmerksam und er fragte ob denn die Betäubung nach lassen würde. Nein, ich kriege gerade einen Anfall, weil ich lange kein Pils getrunken habe. Leider machte er keine Anstalten, erneut die Spritze in den Mund zu stecken. Und dann kam der Schmerz. Ich weiß nicht was gemacht wurde, aber ich wollte nur noch weg. Aufstehen, ein zwei Leuten volles Pfund aufs Maul gebe und aus dem Fenster springen. Selbst wenn unten eine Lavagrube mit Speeren und ausgehungerten Wölfen gewesen wäre, es wäre mir egal gewesen. Doch aus dem Stuhl gab es kein Entrinnen. Selbst die Kopfstütze gab nicht nach. Und mein Hintern schwitzte unangenehm. Hätte der Stuhl ein Brett am Fußende gehabt, ich hätte es abgelatscht und dabei wäre es in seine Atome aufgelöst worden. Das war ein Schmerz, der ohne Umwege über Nervenbahnen direkt ins Hirn gegangen ist. Ich wollte weg und konnte nicht.Die Worte des Arztes machten es leider nicht besser, da sie kein Betäubungsmittel für die Zähne hatten.

Irgendwann war es vorbei und ich fragte mich, wie groß die Bolzen waren, die den Stuhl in Position hielten. Tja, nun habe ich drei Füllungen, ein Provisorium und bekomme bald eine Krone. Sticht! Das Abenteuer Zahnarzt ist leider noch nicht vorbei. Und Worte wie, „Wären sie drei Jahre früher gekommen, dann hätten wir noch was mit Füllungen machen können.“ helfen nicht wirklich. Ich kauf mir jetzt trotzdem eine Zeitmaschine.

Hinterher hatte ich eine seltsame Spannung in beiden Kiefern. Es könnte aber auch Muskelkater gewesen sein. Kennt ihr das, wenn man zu zähes Rindfleisch ist? Ich habe das Gefühl, als könnte ich nun Bahngleise zerbeißen. Lasse es aber, da ich weitere Zahnarztbesuche so gering wie möglich halten will.

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