Bullenstaat

Vor Kurzem habe ich den Film „Der Baader Meinhof Komplex“ gesehen und war erschüttert. Nicht wegen dem Film an sich oder dem Thema „RAF„, sondern wegen den ersten ca. 20 Minuten. Man muß sich bewusst machen, das dies alles passiert und noch gar nicht so lange her ist.

Der Film beginnt mit dem Besuch des Schah von Persien am 02. Juni 1967 in Berlin. Es wird gezeigt wie sich Studenten hinter Absperrungen befinden und Spruchbänder auf denen die diktatorische Regierung Persiens und der Schah selber verunglimpft werden. Auch werden recht kernige Sprüche der Marke „Mörder, Mörder“ oder „Schah-Schah-Sharlatan“ und die härtere Variante „Schah-SA-SS“ gerufen. Daher auch der Name der Veranstaltung. Demonstration. Man demonstriert seinen  Unmut gegen eine Sache. Da aber der BRD das zu peinlich war, da ja die Geschäftsbeziehungen zu Persien viel zu wichtig waren, wurden vom persischen Geheimdienst SAVAK sogenannte Jubelperser (ich denke mir solche Begriffe nicht aus, die gibt es wirklich) zwischen den Demonstraten und dem Schah aufgereiht. Diese sollten für den Schah jubeln und ihm ein Gefühl der Willkommenheit in Deutschland geben. Da es nun mal Perser sind, gefielen ihn die Beschimpfungen der deutschen Demostranten rein gar nicht. Irgendwo verständlich. Der eine Sagt „Arschloch“ der andere sagt „blödes  Schwein“ und schon gibt es gegenseitig aufs Fressbrett.

Die Jubelperser brachen also schön die Dachlatten von ihren Schildern ab und knüppelten ordentlich in die Menge. So weit so ungut. Schlägereien gehören nun auch zu Demonstrationen dazu. Emotionen kochen hoch und der eine oder andere Primat hat sich dann halt nicht unter Kontrolle. Doch was mich wirklich schockiert hat und was ich eigentlich für unfassbar gehalten habe, war die Tatsache, das die Polizei, die deutsche Polizei, daneben stand und nicht eingegriffen hat. Sie haben zugesehen wie ihre Landsmänner zusammen geschlagen wurden. Dabei ist es ja noch nicht mal wichtig, das sie von Persern zusammengeschlagen wurden, sondern die Tat an sich ist ausschlaggebend. Ich dachte ja eigentlich von den Ordnungshütern, das sie dazwischen gehen sollten, damit Menschen nichts passiert. Aber nichts dergleichen. Ganz im Gegenteil, sie haben die Studenten, die auszubrechen versuchten sogar mit verprügelt. Und das war der Moment, in dem ich mich, vor dem Fernseher, schämte Deutscher zu sein.

Ich schämte mich für die deutsche Polizei und überhaupt für das deutsche Staatsorgan zu der Zeit. Wie konnten denkende Menschen nur solche Brutalität zu lassen. Wehrlose Menschen wurden nieder geschlagen und es wurde nicht aufgehört als sie auf dem Boden lagen. Sie waren unbewaffnet und wurden mit Dachlatten, Schlagringen und Schlagstöcken bearbeitet. Bisher dachte ich das so was nur in Ländern vorkommt, die durch Religion oder andere Umstände noch nicht so weit sind. Wo Menschen durch militärische Regime oder extreme Doktrine zu solchen Taten geleitet werden. Doch mir wurde vor Augen geführt, das es vor 40 Jahren auch in Deutschland nicht anders war. Die Deutschen waren primitiv. Ich schämte mich. War enttäuscht und unsagbar wütend.

Die ganze Aktion gipfelte dann in der Ermordung von Benno Ohnesorg durch einen deutschen Polizisten. Dieser wurde dann, Dank falscher Zeugenaussagen und Fälschung von Beweisen freigesprochen. Das deutsche Staatsorgan hat ganze Arbeit geleistet um einen Mörder aus den eigenen Reihen zu decken. Der Polizeistaat lässt grüßen. Und ich verstehe die Angst der Linken, das der Faschismus wieder hoch kocht. Die Presse zu der Zeit wurde von einem Verlag regiert, der heute wie damals der Meinung ist eine Zeitung auf den Markt zu schmeißen. In Wirklichkeit ist es nur eine armselige Imitation die sich für eine Zeitung hält. Doch zum Glück gibt es ja heute das Internet, welches die Lächerlichkeit dieser Imitation aufzeigt. Sehr gefallen haben mir einige Berichterstattungen deutscher Zeitungen, so wie diese hier (zitiert aus dem Wikipedia-Artikel):

Die Polizei habe ohne gravierende Notwendigkeit, mit Planung, einer Brutalität Lauf gelassen, wie sie bisher nur aus Zeitungsberichten über faschistische oder halbfaschistische Länder bekannt wurde… Dieselbe Polizei, die am Nachmittag einer . . . persischen Prügelgarde zusah, wie sie mit Latten und Totschlägern deutsche Demonstranten anging, sah am gleichen Abend offensichtlich die Stunde gekommen, ihr Mütchen an jenen zu kühlen, die nicht aufhören wollten, den hohen Staatsgästen ihre unroyalistischen Ansichten zu zeigen.

Was der Einsatzleiter befohlen hatte, kommt dem gleich, in einem Kino ein Feuer anzuzünden und die Ausgänge zu verschließen.

Ich verstand nun die Wut und den Haß der linken Bewegung auf das deutsche Staatsorgan. Allerdings konnte ich die Aktionen die von der RAF durchgeführt wurden nicht gut heißen. Außerdem stellte ich fest, das ich recht wenig von dieser Zeit weiß. Und überlegte warum. Sollte dieses Thema nicht im Geschichtsunterricht durch genommen worden sein? Und doch dunkele Erinnerungen verrieten mir, das da was war. Doch viel war es nicht. Zum ersten Mal dachte ich darüber nach, ob es nicht doch zu viel 3. Reich war, was wir durchgenommen haben. Doch diesen Gedanken verwarf ich schnell. Vielleicht sollte man das Schuljahr besser aufteilen und eher am Anfang etwas weglassen und dafür ein wenig mehr auf die jüngste deutsche Geschichte eingehen.

Ich habe mich mit einem Zeitzeugen unterhalten und er sagte mir, das es damals halt so war. Die Eltern waren noch sehr autoritär. Schläge, und man sprach nicht von einer Ohrfeige, waren an der Tagesordnung. Nicht nur von den Eltern! Außerdem muß man die damalige äußerst wichtige industrielle Beziehung zu Persien beachten. Die durften dann einfach mal deutsche Studenten ablatten, ohne das die Polizei eingriff. Aber meiner Meinung nach darf man nicht die Polizeibrutalität und Unfähigkeit dieses Staatsorganes der damaligen Zeit unter den Tisch fallen lassen. Ich verstehe nun die Angst der jungen Erwachsenen, die gebildet und politisch informiert waren, vor einem Polizeistaat. Und wenn ich mir manche Ideen der Regierung zur Datensicherung angucke, dann sehe ich den Polizeistaat winken. Und zwar nicht aus der Ferne!

Und noch etwas ist mir klar geworden. Wenn uns immer wieder unsere Geschichte vorgehalten wird und dabei ohne Zweifel Bezug auf das 3. Reich genommen wird, dann sollten wir auch die Zeit der 70er nicht unter den Tisch fallen lassen. Auch für diese Zeit sollten wir uns schämen. Für den deutschen Staat, für die deutschen Staatsorgane und vor allem für das breite Volk, das dies alles toleriert hat. Mindestens genauso sehr wie für die Gräueltaten des 3. Reiches.

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